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Ist eine Autowaschanlage etwa gemütlich?

Werner Kieser über Erdenkinder und Essigpralinen, Status quo und Spaßfaktor, Magermasse und Manufaktur

Herr Kieser, der Zeitmanagement- Experte Professor Seiwert nennt Kieser Training ein «puristisches Konzept ohne Halligalli». Warum verzichten Sie auf Halligalli?
Man trainiert nicht, weil’s besonders lustig oder hip ist, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit. Wir sind Erdenkinder. Dank der Erdanziehung ist Widerstand ein Kernelement, das wir dringend benötigen. Viele suchen das im Sport, der aber nur rudimentär liefern kann. Wir bieten den Widerstand gezielt und dosiert. Das ist naturgemäß nicht unheimlich attraktiv, aber wirksam.


Foto: © Kieser Training/Michael Ingenweyen

 

Trotzdem könnte man das Ganze in mehr Halligalli verpacken ...
Das wäre wie Essigpralinen, nämlich ein Scherzartikel. Man spuckt die Praline wieder aus, weil man eine andere Erwartung hat. Das Risiko gehen wir nicht ein – wir versprechen nicht, dass Training Spaß macht.

Stattdessen sagen Sie, dass es glücklich macht – wo ist der Unterschied?
Das Training selbst ist nicht unbedingt angenehm, sondern anstrengend. Das ist nötig, weil unser Körper das Ideal des Status quo hat. Ohne Belastung driftet die Kraft nach unten ab, mit ein wenig Alltagsbewegung bleibt sie immerhin erhalten und mittels Training können wir den Status quo erhöhen. Die meisten leben unter ihrem Kraft-Optimum und das macht Probleme. Glücklich macht die Wirkung des Trainings – man fühlt sich von Tag zu Tag besser, weil man leichter an sich trägt.

Sie verpacken Ihr Konzept sehr simpel.
Ich habe das Konzept nie nennenswert verändert, weil ich keinen Grund dafür sehe. Eine Verpackung ist auch ein Versprechen. Es ist unfair, wenn die Verpackung nicht dem Inhalt entspricht. Unser Anspruch zielt weder auf Vergnügen noch auf Sport oder «Wellness». Dafür liefern wir Wirksamkeit.

Sie bezeichnen Kieser Training als Produzenten von «Magermasse». Das klingt nach Askese ...
Magermasse bezeichnet Muskeln, Knochen und Sehnen – also fettfreie Masse. Wir brauchen stärkere Muskeln und eine höhere Knochendichte. Beides erlangen wir mit Training gegen Widerstand.

Deshalb der Terminus «Betrieb» für die Kieser Training-Einrichtungen?
Wir produzieren wie gesagt Knochen- und Muskelsubstanz wie in einer Manufaktur. Der fabrikhafte Aufbau entspricht deshalb dem Zweck. Da stehen Maschinen, die dem Bewegungsapparat den nötigen Widerstand bieten, an der richtigen Stelle und in der richtigen Dosis. Mehr braucht es nicht. Man muss nicht vergolden, wo es nichts zu vergolden gibt.

So folgen Sie dem Bauhaus-Grundsatz «Form follows function»?
Die Industriearchitektur ist ideal, wenn man produziert und nicht nur repräsentieren will. Manche Menschen finden sie furchtbar, weil ihnen vielleicht eine etwas kleinbürgerliche Vorstellung von Gemütlichkeit und Wohlbefinden vermittelt wurde. Aber es ist absurd. An eine Autowaschanlage stellen wir doch auch nicht den Anspruch, dass sie gemütlich ist oder emotional rührt. Anderseits entwickelt diese reduktionistische Gestaltung eine eigene, zum Teil unbeabsichtigte Ästhetik für jene, die sie wahrnehmen.

Kolumne

Kraft fürs Leben Jedes Denken, das den Dimensionen des Körperlichen nicht Rechnung trägt, muss dem französischen Philosophen Merleau-Ponty zufolge unweigerlich ins Straucheln geraten. In der Vernachlässigung des Körperlichen sieht er das Selbstmissverständnis des Lebens. Der Leib ist für ihn keine Leinwand für willkürliche Ideen, kein Ding, das der freien Manipulation eines ebenso freien Geistes beliebig zugänglich wäre. Vielmehr ist er Ausdruck unserer gesamten Existenz, ist «das Vehikel des Zur- Welt-Seins» des Menschen. Der Leib, verstanden als Einheit von Körper und Geist, so Ponty, ist das Ereignis unseres Lebens, ist «der Ausdruck der gesamten Existenz, nicht als deren äußere Begleiterscheinung, sondern weil sie in ihm sich realisiert». Entsprechend heißt es auch bei Descartes: Der Geist ist dem Körper «nicht zugesellt wie ein Schiffer dem Schiff», sondern «aufs innigste mit ihm vereint».

Konsequenterweise spricht Feuerbach vom «porösen Ich», das nicht eigenständig, sondern auch vom Körper bestimmt ist. Andere Lebewesen mögen in einem geschlossenen funktionalen Ensemble aufgehen, nicht so der Mensch: Ihn zu verstehen, geht über das unmittelbar Beobachtbare oder rein funktional Deutbare hinaus.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur der Zeitschrift «der blaue reiter – Journal für Philosophie», www.derblauereiter.de

Ohne das Phänomen der Zeit wären wir alle göttlich

Dieser Mann jongliert mit der Zeit, stemmt Kieser-Gewichte und liegt zwischendurch schon mal auf der faulen (Bären-)Haut: Professor Dr. Lothar Seiwert über Interviewtermine, Zeitempfinden und Trainingszeiten


Foto: © Kieser Training/Michael Ingenweyen

 

Herr Professor Seiwert, Sie haben unseren Interviewtermin auf 17.01 Uhr terminiert – sind Sie ein Pünktlichkeits-Fanatiker?
Meine Seminare beginnen oft um 8.57 Uhr und enden um 17.17 Uhr, aber mitnichten bin ich durchgetaktet wie die Bundesbahn. Da stutzt jeder erst einmal und die Leute sind gespannt, ob ich das wirklich einhalte.

Gespannt war ich wirklich. Und das Telefon klingelte tatsächlich um 17.01 Uhr. Was wäre, wenn es das Phänomen Zeit nicht gäbe?
Würde es uns dann geben? Schließlich gäbe es weder Leben noch Tod, keinen Anfang und kein Ende. Dann wären wir wohl alle göttlich. Das wäre großartig – da wäre ich sofort dabei. Zeit definiert den Abstand zwischen zwei Ereignissen. Sind wir einem Augenblick mit allen Sinnen verhaftet, z.B. in einem Theaterstück oder einer Liebesbegegnung, vergeht die Zeit scheinbar nicht, weil man nicht zwischen zwei Ereignissen ist. Man hetzt nicht von A nach B.

Apropos Hetze: Läuft uns die Zeit weg oder laufen wir vor der Zeit weg?
Sowohl als auch. Zeit ist etwas sehr Subjektives, sie verrinnt und wir können nur den Umgang mit ihr gestalten. Rein subjektiv wird alles immer schneller, hektischer und komplexer. Objektiv stimmt das nicht, wir erleben Zeit nur anders und stressen uns selbst. Deshalb plädiere ich mit meiner Bären-Strategie (www.baerenstrategie. de) dafür, dass in der Ruhe die Kraft liegt.


Kerstin Friedrich, Fredmund Malik,
Lothar Seiwert:
«Das große 1x1 der Erfolgsstrategie»,
15. Auflage Offenbach:
Gabal-Verlag (2010), € 24,90

Was rät uns Ihre Bären-Strategie in puncto Krafttraining?
Bei Kieser Training geht’s nicht wie in den üblichen Muckibuden um möglichst viel Hantelstemmen in möglichst kurzer Zeit. Stattdessen trainiert man mit Ruhe und Richtigkeit im 4-2-4-Rhythmus und gönnt den Muskeln danach zwei Tage Pause. Wir brauchen beide Seiten: Sowohl Geschwindigkeit und Kraft als auch Ruhephasen, in denen wir auf der faulen Bären-Haut liegen.

Hat Ihr Training einen festen Platz im Terminkalender?
Ja, aber das muss ich genauso wenig aufschreiben wie mein Frühstück. Es ist Teil meines normalen Alltags. Meist trainiere ich frühmorgens und kratze oft als erster an der Tür, um die Quälerei hinter mir zu haben. Dann fühle ich mich wohler.

Sie quälen sich? Ist das gut investierte Zeit?
Natürlich, ich bin seit Jahren bei Kieser Training und dann ist man in einem Bereich, in dem die Gewichte deutlich höher sind. Da können 90 Sekunden lang sein. Ich habe keine Zeit – das ist die dümmste Ausrede überhaupt. Es ist eine Frage der Einstellung: Ist etwas wichtig, nimmt man sich die Zeit.

Das ist doch das Dilemma vieler Menschen – zu entscheiden, was wichtig ist. Was hat Ihnen dabei geholfen?
Ein Strategie-Konzept, das auf Spezialisierung zielt und nicht nur meinen Erfolg, sondern auch den von Werner Kieser begründet hat. Deshalb stelle ich seine Erfolgsgeschichte nun in der Neuauflage meines Buches vor. Will man alles für alle machen, macht man von allem etwas, aber nichts richtig. Kieser Training konzentriert sich hingegen auf Rückenschmerzen und löst dieses Problem besser als andere. Mit einem puristischen Konzept ohne Halligalli. Man geht hin, trainiert und geht wieder – das Training ist reduziert auf das Wesentliche.

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