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Die Kunst des Weglassens

Warum weniger meist mehr ist, erklärt Architekt Martin Eglin – der Schweizer hat das architektonisch spartanische Konzept von Kieser Training-Betrieben in Deutschland, London, Melbourne und Singapur umgesetzt.


Martin Eglin

 

Herr Eglin, sieht der Kieser Training- Betrieb in Singapur so aus wie der in Berlin, Melbourne oder Barcelona?
Sicher, die präzisen Gestaltungsrichtlinien garantieren immer das gleiche Erscheinungsbild, die gleichen Materialien und Farben, die Art der Beleuchtung und ohnehin immer dieselben Maschinen.

Man hat also weltweit das Gefühl, man kommt – pardon – in eine Fabrikhalle?
Ja, diese industrielle Architektur schafft eine nüchterne und rationale Atmosphäre. Der Fokus soll architektonisch auf das Wesentliche gerichtet sein, damit man sich auf die knappen und präzisen Trainingseinheiten konzentrieren kann.

Sie schaffen damit eine Atmosphäre der Anonymität ...
Wenn man trainiert, tut Anonymität gut. Niemand möchte dem Nachbarn beim Schwitzen zuschauen. Es geht um Körperertüchtigung und die Reduktion auf den Körper und nicht um den sozialen Austausch. Zudem fühlt man sich durch die Anonymität gleichwertig. Die unpersönliche Atmosphäre führt dazu, dass die Maschinen sowohl niemandem als auch allen gehören.

Und dafür schaffen Sie ein Ambiente, in dem Sie eher weglassen als hinzufügen?
Architektonisch besteht die Kunst des Weglassens aus der Reduktion auf wenige Materialien. Man nimmt den Holzboden für die Trainingsfläche, die graue Keramikplatte für die Nassbereiche. Dazu malt man alles weiß an, was nicht Boden ist und setzt Edelstahlelemente rein – also Duschen, Spinde, Leuchten, Rezeptionselemente. Wir entmaterialisieren quasi die Trainingshülle, die in den Hintergrund tritt. Weniger kann man fast nicht machen.

Als Architekt verordnen Sie sogar Sparkurs bei den Wänden ...
Die Reduktion suchen wir auch in der Räumlichkeit. Um Offenheit und Klarheit zu gestalten, stellen wir so wenige Wände wie möglich. Die Umkleiden sind nur durch die Spinde visuell abgetrennt, die Duschen sind Teil des großen Raumkontinuums. Das schafft Privatheit ohne konkreten Raum und sogar ohne Türen.

Geben Sie uns bitte mal architektonische Nachhilfe: Welchen Sinn hat diese Fuge zwischen Holzboden und Wand?
Die hat einen gewichtigen Vorteil: Der schwimmend verlegte Boden dehnt sich aufgrund der hohen Belastung im Laufe der Zeit sehr stark aus. Zudem stellt das Parkett eine Holzplattform dar, die lose auf dem bestehenden Betonboden liegt ohne die Wände zu berühren. So findet das Krafttraining wie auf einer Bühne statt.

Und diese Bühne ist immer dieselbe – egal wo ich die Kieser-Bretter dieser Welt betrete?
Die Natürlichkeit und Nachhaltigkeit des Bodens spielt eine große Rolle und wir bevorzugen lokale Hölzer. Aus diesem Grund haben wir z.B. in Melbourne auf den typischen Buchenholz-Boden verzichtet und ein ähnliches, aber lokales Holz verwendet. Zu strikt legen wir die Gestaltungskriterien nicht an – das widerspräche dem ökologischen Gedanken.

Interview: Michaela Rose

Kolumne

Wenn zwei das Gleiche wollen, muss einer sich gegen den anderen behaupten, muss einer zwangsläufig verlieren. Den im gesellschaftlichen Maßstab resultierenden Kampf «aller gegen alle» sucht Thomas Hobbes durch einen Gesellschaftsvertrag zu befrieden: Jeder, so Hobbes, müsse einen Teil seiner Freiheit an einen Souverän abtreten, welcher die Sicherheit des Einzelnen garantiert. Doch, so schreibt Max Stirner in seinem Werk «Der Einzige und sein Eigentum », «weil Jegliches auf sich hält, und zugleich mit Anderem in stete Kollision gerät», ist «der Kampf der Selbstbehauptung unvermeidlich». Unvermeidlich ist dieser Kampf, weil nur in der Auseinandersetzung um sein eigenes Bestehen ein jeder sich herausfinden, mithin sich selbst gewinnen kann. Doch Stirners «Einziger », der seine Sache nur auf sich gestellt hat, dessen Sache «weder das Göttliche noch das Menschliche », «nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw.» ist, sondern allein das «Seinige», braucht mehr als nur den Nietzscheschen «Willen zur Macht», er braucht auch Kraft: Und sei es nur die Kraft zum aufrechten Gang, die ihm den Mut verleiht, seiner selbst gewiss gegen die Welt und die anderen anzutreten – um seiner selbst ansichtig zu werden.

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur der Zeitschrift «der blaue reiter – Journal für Philosophie», www.derblauereiter.de und www.verlag-derblauereiter.de

Das Alter der Selbstrestauration

Als Autor historischer Romane wühlt Peter Prange ständig in der Vergangenheit herum – in der Gegenwart sinniert er über die Spannbreite seines gefühlten Lebensalters.


Interview: Michaela Rose

Herr Prange, eine Ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist «Gott spielen» – als Schriftsteller erfinden Sie Menschen und Schicksale. Kommt da nicht manchmal der Wunsch auf, sich selber neu zu erfinden?
Oh, ich habe bereits ein neues Leben angefangen und bin mit 43 zum Schriftsteller geworden. Meine bescheidene Theorie zur Midlife-Crisis: Die erwischt uns mit diesem existentiellen Lebensgefühl, dass es jetzt eigentlich Zeit wäre, uns von dieser Welt zu verabschieden. Aus Gründen der Evolution. Deshalb die immer wieder gleichen Themen der Ratgeber: Mit 40 wie tot, mit 50 wie neugeboren. Das sind Wiedergeburts-Mythen.

Ihre Romane haben wir also Ihrer evolutionsbedingten Lebenskrise zu verdanken?
Entwicklungsbiologisch sind wir dafür ausersehen, Kinder zu kriegen und alt genug zu werden, um die Brut groß zu ziehen. Wachset und mehret euch. Großzügig gerechnet haben wir unseren Evolutionsauftrag damit erfüllt. Wäre ich ein Auto, käme ich durch keinen TÜV mehr, sondern wäre längst ein 30 mal 30 Zentimeter großes Blechpaket. Aber als Mensch gibt’s keinen TÜV. Also muss man immer weitermachen, wie ein VW Käfer.

Vielleicht – etwas weniger fatalistisch – als Oldtimer?
Als gut gepflegter Oldtimer kann man sogar an Wert gewinnen. Dafür muss man aber von morgens bis abends Selbstrestauration betreiben. Kaum haben Sie die Augen aufgeschlagen, droht Parodontose, die Augenbrauen und Nasenhaare zeigen verstärktes Wachstum und so weiter. Um ein ausbalanciertes Plus-Minus zu halten, ist man einen erheblichen Teil des Tages mit diesen unerquicklichen Dingen beschäftigt. Obendrein muss man dreimal in der Woche zu Kieser Training rennen. Aber dort kann man effizient trainieren – ohne die rituellen Verzierungen und Philosophien, die in anderen Fitnessstudios gepredigt werden und nur Zeit kosten.

Dank Selbstrestauration halten wir uns aber den Rost vom Oldtimer- Leib ...
Sicher, Verbrecher wie die Medizin oder Kieser Training verlängern unser physisches Leben und hindern uns daran, frühzeitig in ein schöneres Jenseits hinüberzugleiten. Jedermann zieht und zerrt an uns, damit wir 80, 90 oder 100 Jahre alt werden. Aber im Grunde sind unser Körper und unsere Software – sprich unsere Psyche – darauf ausgelegt, dass wir mit 50 «Auf Wiedersehen» sagen.

Jetzt mal Tacheles, Herr Prange: Sind Sie dann nicht längst über den Zenit?
Zugegeben, ich bin 55, aber mein Innerstes sträubt sich dagegen. Das gefühlte Alter oszilliert zwischen 15 und 105.

Wie kriegen Sie diese erstaunliche Spannbreite hin?
105 vor dem Training und 15 danach – es hilft eben doch. Im Ernst: In all unseren Wünschen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und Ängsten sind wir gesteuert von einem Pimpf, der maximal 15 ist. Das ist bis ans Lebensende so. Aber wenn man versucht, diese Projektionen seiner selbst im wirklichen Leben zu realisieren, stößt man mit dem Kopf oft gegen die Wand. Und schwuppdiwupp fühlt man sich 50, 75, 105. Das Einzige, das wirklich schön ist am Älterwerden, ist die zunehmende Urteilskraft dank des Fundus an Erfahrungen. Aber der 15-Jährige ist niemals ganz tot zu kriegen.

Interview: Michaela Rose

 


Himmelsdiebe
Ein Roman über die Kunst der großen Liebe
Pendo Verlag; München 2010
504 Seiten, gebunden
ISBN: 9783866122741
www.peterprange.de

 

 

 

 

 

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