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Der Kiefer und seine Muskeln

Essen ist Leben und Lebensfreude. Damit jeder Mensch ein Leben lang mit Freude essen kann, hat uns die Natur ein funktionell perfekt abgestimmtes Werkzeug gegeben – das Kauorgan.


Illustrationen: © Holger Vanselow

Zum Kauorgan gehören alle Gewebe und Organe, die direkt zur Kaufunktion beitragen. Während der Oberkiefer von einem nicht beweglichen Teil der Schädelknochen gebildet wird, kann sich der Unterkiefer durch das bewegliche Kiefergelenk mit Hilfe von Kaumuskeln in Form von Dreh- und Gleitbewegungen relativ zum Oberkiefer bewegen. Nur er bewegt sich also, wenn wir kauen, sprechen oder gähnen.

Die Kaumuskeln werden unterschieden in Mundöffner (äußerer Flügelmuskel, Mundbodenmuskulatur) und Mundschließer (Schläfenmuskel, großer Kaumuskel, innerer Flügelmuskel). Sie sind an den Schädelknochen fixiert.

Der gesunde Biss
Und so sieht ein gesundes und funktionsfähiges Kauorgan aus: Neutral verzahnt haben Ober- und Unterkiefer im sogenannten «Schlussbiss» gleichmäßig Kontakt – und zwar vom hinteren Seitenzahn bis zum vorderen Eckzahn. Dadurch stützen sie sich ideal gegeneinander ab. Bewegen wir den Unterkiefer seitlich, z. B. wenn wir kauen, sichert der Kontakt der Eckzähne die Führung, entlastet die Kiefergelenke und schützt die Seitenzähne. Die Schneidezähne haben in einem gesunden Kiefer keinerlei Kontakt – es sei denn, wir schieben unseren Unterkiefer schmollend vor. Dieses Zusammenwirken von Oberund Unterkiefer gewährleistet, dass unser Kauorgan optimal funktioniert und verhindert, dass die Gelenke überlastet und geschädigt werden. Viele Menschen besitzen allerdings keine ideale «Verzahnung». Glücklicherweise ist unser Kauorgan sehr adaptationsfähig und kann kleine und teilweise auch große Abweichungen meist ausgleichen. Erkrankungen der Zähne oder der Kiefergelenke entstehen oft erst dann, wenn zu den Fehlstellungen weitere Belastungen wie ein Schleudertrauma, Stress oder aber falsch eingepasste Prothesen, Kronen, Brücken oder Füllungen das individuelle Gleichgewicht stören.


Anatomische Wechselbeziehungen
nach Dr. Dmoch: Über die
sogenannten Muskelketten kann
die Kiefermuskulatur Einfluss auf
andere Muskelpartien haben.

Welche Auswirkung hat Kieser Training eigentlich auf …

… das CMD-Syndrom?

Fehlfunktionen in Zahn-, Mund- und Kieferbereich sind nicht nur ästhetisch unschön, sondern können auch Beschwerden wie z. B. Rückenschmerzen hervorrufen.

Fehlfunktionen werden unter dem Begriff Cranio-Mandibuläre-Dysfunktionen, kurz CMD-Syndrom, zusammengefasst. Ein solches Syndrom kann entstehen, wenn beim Zubeißen z. B. der Eckzahnkontakt fehlt oder wenn neben den Eckzähnen bei Seitwärtsbewegung Backenzähne Kontakt haben. Treffen die Schneidezähne beim Zubeißen aufeinander, kann das den Unterkiefer in eine missliche Zwangslage bringen – das Gelenk hat dann zu wenig Platz. Häufige Folge: krankhafte Veränderungen in den Kiefergelenken, die sich beispielsweise durch Gelenkgeräusche bemerkbar machen. Aber auch die Kaumuskeln leiden, stehen sie doch permanent unter Spannung und sind chronisch überlastet. Kleine Muskeln, weit reichende Auswirkungen: Das zentrale Nervensystem meldet die Störung an das Gehirn, das die Information an andere Muskelpartien sendet. Das kann zu muskulären Dysbalancen und orthopädischen Beschwerden führen, z. B. zu Rückenoder Schulterschmerzen oder einem Beckenschiefstand. Aber auch Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Schwindel und Kiefergelenkschmerzen zählen zu den typischen Erscheinungen einer CMD.

Kieser Training mit Biss – Krafttraining bei Rückenbeschwerden.
Ein gezieltes und richtig dosiertes Krafttraining korrigiert muskuläre Dysbalancen, baut schwache Muskeln auf, kann Schmerzen vorbeugen oder lindern. Das hat auch positive Effekte auf die Kaumuskeln.

Bei einem CMD-Syndrom sind beispielsweise folgende Maschinen sinnvoll: Mit der G1 (Schulterheben) stärken Sie den oberen Anteil des Trapezmuskels. Dieser zieht den Schultergürtel nach oben und ist auch für die optimale Stellung des Schulterblattes mitverantwortlich. An der G3 (Halsbeugung nach vorne) kräftigen Sie vor allem die Kopfwender. Wichtig ist zudem die Nackenstreckung an der G 5, mit der Sie den schrägen und geraden hinteren Kopfmuskel fordern. Mit der Übung Rudern im Schultergelenk (C5) kräftigen Sie zudem die Muskeln, die Ihre Schultern nach hinten ziehen und Ihre Brustwirbelsäule aufrichten. Und mit dem Barrenstütz an der D7 bringen Sie die Muskeln in Form, die die Schulterbläter auf den hinteren Rippen nach unten ziehen. Geeignet ist auch die E2 (Seitheben, vgl. Maschine des Monats), wenn die Griffe auf Position 4 oder 5 geöffnet werden. Letztlich sorgt eine Ärztliche Trainingsberatung dafür, dass Ihr Programm auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.

Fazit:
Eine Cranio-Mandibuläre-Dysfunktion lässt sich nicht wegtrainieren. Krafttraining kann aber helfen, den Körper wieder ins rechte Lot zu rücken und dadurch Beschwerden zu reduzieren oder gar zu beseitigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Tipp vom Arzt

Was tun, wenn CMD den Rücken piesackt?


Dr. Andreas Dmoch Zahnarzt und
Spezialist für CMD
www.zaef.info

Sind die Beschwerden bei einer CMD sehr stark oder chronisch, ist eine Medizinische Kräftigungstherapie nach ärztlicher Vorabklärung sinnvoll. An der Cervical-Extension- Therapiemaschine (für die Halswirbelsäule) und der Lumbal-Extension- Therapiemaschine (für die Lendenwirbelsäule) können Defizite der Muskulatur diagnostiziert und behandelt werden.

Begleitend zum therapeutischen Krafttraining ist es bei einer Cranio- Mandibulären-Dysfunktion zudem sinnvoll, eine genaue Funktionsanalyse der Kiefergelenke durchzuführen. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Kiefer schon krankhaft verändert ist und Gelenkgeräusche auftreten. Eine Therapie kann den Unterkiefer neu positionieren, den Biss richtig einstellen und damit Schmerzen im Kiefer lindern und die Regeneration der Wirbelsäule unterstützen. Dies sollte immer durch einen CMD-Spezialisten erfolgen. Bei der konventionellen Methode werden während der Nachtruhe «Knirsch- Schienen» eingesetzt, um den Kiefer neu zu positionieren und zu entlasten. Der Nachteil: Tagsüber und beim Essen haben die Zähne wieder ihren alten Kontakt, sodass eine ganztägige Entlastung nicht möglich ist. Damit bei schwierigen Fällen der richtige Biss über 24 Stunden täglich eingestellt bleibt, können neuerdings durchsichtige Cranio Caps eingesetzt werden. Sie werden auf die Zähne aufgeklebt, sind nicht sichtbar und stellen den richtigen Zahnkontakt her. Eine weiterführende Therapie kann später nach Abschluss der CMD-Behandlung auf dieser eingestellten Bisslage aufbauen.